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Wie sah das Reformationsjubiläum am Johanneum 1917 aus?

Auch wenn die großen Feierlichkeiten, die man 1917 im Deutschen Reich zum 400. Jubiläum des Thesenanschlags geplant hatte,  wegen des Ersten Weltkriegs ausfielen, war Luther in mehreren Hunderttausend Publikationen präsent. Die Deutschen sollten, so konnten ihre damaligen Leser unschwer heraushören, sich Luther mit seinem Gottvertrauen zum Vorbild nehmen, um den Krieg doch noch zu gewinnen. Wie schon bei der Feier von 1883 anlässlich des 400. Geburtstags Luthers erreichte die Instrumentalisierung des Reformators als geschichtspolitische Ikone im vorletzten Kriegsjahr einen weiteren Höhepunkt.1
Wie stand es um das Reformationsgedenken damals an der Gelehrtenschule des Johanneums, dessen Schüler und Lehrer im November 1914, also im ersten Kriegsjahr, das neu errichtete Gebäude am heutigen Standort  bezogen hatten? Wie erlebten sie den 31.10.1917, der auf einen Mittwoch fiel?  Auch das Johanneum hatte sich in den Jahren davor dem Geist der Zeit nicht entzogen. Noch über ein Jahrzehnt später blickt der damalige Schulleiter Prof. Dr. Edmund Kelter  (1925-1933) mit erkennbarem Stolz darauf zurück, dass diese Schule in der Ära des Wilhelminischen Reiches unter dem Direktor Prof. Dr. Friedrich Schulteß (1888-1919) „die Schüler zu kerngesunden, begeisterten Deutschen und energischen Männern der Tat gebildet hatte“2.
Das Gedenken an die Reformation 1917 trug, soweit wir das den Zeugnissen aus jenen Tagen entnehmen können, deutliche Spuren der „Ideen von 1914“3 in sich, auch wenn diese inzwischen durch die Erfahrungen des Krieges eingetrübt waren. Wie das vorläufig letztmalige Erscheinen des schulischen Jahresberichts zu Ostern 1916, der zunehmende Stundenausfall und die Notreifeprüfungen belegen, vor allem aber an den allwöchentlichen Kriegsandachten sowie am Tod zahlreicher Schüler und nicht weniger Lehrer sichtbar wird, hatte sich der Krieg bis in Schulalltag  hinein ausgewirkt. Am 30. Oktober fand  in der Aula der Schule am Vormittag um elf Uhr eine „Vorfeier zum Reformationsfeste“ statt. Am Beginn stand eine Lesung aus der Bibel, eingerahmt von zwei Liedern Luthers, die den Ton der Feier vorgaben: „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ mit der ersten Strophe, gesungen von allen Anwesenden, und „Erhalt‘ uns, Herr, bei deinem Wort“, vorgetragen vom Chor. Im Anschluss an diese liturgisch gehaltene und zugleich kämpferisch anmutende Intonation der Feier rezitierten Schüler Gedichte, lediglich vom Auftritt des Chors unterbrochen mit einer Vertonung von Hans Sachs‘ Poem „Die Wittenbergisch Nachtigall“. Die sechs Gedichte stammen sämtlich aus dem Fundus der nationalpoetischen Trivialliteratur. In unterschiedlicher Akzentuierung, bei der wahlweise mehr der Mönch, der Kämpfer gegen Papst und Kaiser, der Schöpfer der deutschen Sprache, der Freiheitsheld und politische Prophet der Deutschen im Vordergrund stehen, beschwören die vorgetragenen Verse Luther als Inkarnation „deutscher Frömmigkeit“ und rühmen ihn als national-religiösen Heros. Sie greifen Episoden aus dem legendenhaften Erinnerungsbestand über den Reformator auf, darunter immer wieder den Anschlag der Thesen am 31. Oktober 1517 und den Auftritt Luthers vor Kaiser und Reich in Worms 1521, und dürften, indem sie Luther als mutigen Held vorführen, insbesondere die jüngeren Schüler angesprochen haben. Die Feier, die ihren Höhepunkt mit der Ansprache des Direktors erreichte, ist in ihrem Ablauf dramaturgisch genau durchdacht. Sie zielt insgesamt auf eine Art memorial-charismatische Aneignung des Reformators, über die sich die versammelte Schulgemeinschaft in die Schicksalsgemeinschaft der sich durch den Krieg geprüften Nation hineinbegibt.
Die Rede des Direktors,  deren Vortrag zeitlich gut die Hälfte der Zeit der Feier eingenommen haben dürfte, verdient besondere Aufmerksamkeit.4 Während in nicht wenigen schriftlichen Beiträgen, die aus dem Jubiläumsjahr 1917 bekannt sind, die Erinnerung an die Reformation zur mentalen Aufrüstung ihrer Leser ganz in den Dienst der Kriegspolitik des Deutschen Reiches gestellt ist, wird man dies von dieser Rede nicht in Gänze behaupten können. „Hindenburgworte im Lutherton“ neben die  entsprechenden „Lutherworte zu Hindenburggedanken“ zu stellen, wie es andere damals lautstark taten5, kommt Schulteß jedenfalls nicht in den Sinn. Als Repräsentant der „Stammschule Hamburgs“ (Schulteß), des bis ins späte 19. Jahrhundert einzigen Gymnasiums der Stadt,  weiß er sich dessen „gelehrter“ Tradition verpflichtet und bevorzugt einen kultivierten Ton,  ohne dass die nationalprotestantische Grundierung zu überhören ist. So lässt Schulteß zunächst das 300jährige und 400jährige Reformationsgedenken am Johanneum Revue passieren und kommt in diesem Zusammenhang ausführlich auf seitherige Entwicklungen im politischen wie kirchlichen Raum sowie das allgemeine Geistes- und Kulturleben im 19. Jahrhundert zu sprechen. Seine Ausführungen sind dabei von einer  konfessionellen Animosität geprägt, die stark an die Zeiten des Kulturkampfes erinnern und den heutigen Leser befremden, etwa wenn der Redner in protestantischem Selbstlob die geschichtliche Tiefenwirkung des „reformatorischen Bildungswerks“ immer wieder breit ausmalt, um den Katholizismus in die zweite Reihe zu stellen.6 Erst ganz am Ende seiner Rede, auf den letzten anderthalb Seiten des im Druck insgesamt elf Seiten umfassenden Vortrags –  nach einem Intermezzo zur Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache –  fasst Schulteß  die geschichtspolitische Aktualisierung der Reformation ins Auge und stellt die Erinnerung an den Auftritt des einsamen Mönchs Luther 1517 in den Dienst kollektiver Selbstbehauptung der Deutschen im Jahre 1917. Aus dem „Held des Glaubens“ wird ihm der „Held des Deutschtums“, der zum „gemeinsame(n) opferwillige(n) Heldentum“ ermutigen soll:  „Wenn eine Welt wider uns steht: Luther und sein Reformationswerk hat uns gekräftigt, dawider standzuhalten. Er selbst stand wider eine Welt, die ihn mit Feuer und Schwert bedrohte. … Er ist das Urbild zu dem Worte: ‚Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.‘“7  Wie die meisten Redner im Jahr 1917 betritt damit auch der Direktor des Johanneums in seiner Ansprache den Ort politischer Hermeneutik, an dem sich „Pickelhaube“ auf „Glaube“ reimt8, Reformationsgedächtnis und Krieg einander begegnen, der innere, religiöse Kampf des Reformators und der militärische Kampf der Deutschen untrennbar miteinander verschmelzen. Schüler, die nach den vielen gelehrten Worte des Direktors bereits ermüdet gewesen sein sollten und ihm am Ende seiner Rede gedanklich nicht mehr zu folgen vermochten, hatten gleichwohl nichts verpasst, denn dieselbe Botschaft hielt für sie am Schluss der Feier noch einmal der gemeinsame Gesang der dritten und vierten Strophe von „Ein feste Burg ist unser Gott“ bereit, der die Rede musikalisch einrahmte: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen … Das Reich muss uns doch bleiben.“9 Gut ein Jahr später, im November 1918, war von diesem am späten Vormittag  des 30. Oktober sicherlich recht innerweltlich verstandenen Reich nur wenig übrig geblieben. Schulteß selbst, der, monarchisch gesinnt, bis zuletzt im „deutsch-nationalen Kaisertum … Hort und Halt“10 erblickt und an den „Sieg der deutschen Sache“ glaubt hatte, sollte den für ihn „traurigen, unfassbaren Ausgang“11 des Ersten Weltkriegs nur knapp überleben. Er, der gleich zu Beginn des Krieges einen Sohn verloren hatte, starb am 27. April 1919.
Was kann man aus dem Abstand von einem Jahrhundert zum Reformationsgedenken am Johanneum im Jahre 1917 sagen? Man sollte, ehe man vorschnell urteilt, zunächst einmal staunen, wie anders die Zeiten damals waren.  Nur dann eröffnet sich ein Reflexionsraum, der uns erspart, die Vergangenheit nach Maßgabe aktueller ideologischer Bedürfnisse zu beurteilen und über frühere Generationen leichtfertig den Stab zu brechen. Die Reformationsjubiläen hatten seit Anbeginn stets der Selbstverständigung über den religiös-konfessionellen (so 1717), den geistig-kulturellen (so eher 1817) und politisch-nationalen (so vor allem 1917) Standort gedient. Im Medium der Erinnerung teilen Menschen mit, was ihnen wichtig ist und wer sie sind. Auch heutzutage ist das so. Es lohnt sich deshalb hinhören, was sie an unserer Schule damals zu sagen hatten, auch wenn es uns aus dem Abstand der Zeit heraus schwerfällt, sie zu verstehen.

1 Die nach wie vor beste  Übersicht bietet Gottfried Maron, Luther 1917. Beobachtungen zur Literatur des 400. Reformationsjubiläums, in: ZKG 93 (1982), S.177-221
2 Edmund Kelter, Hamburg und sein Johanneum im Wandel der Jahrhunderte 1529-1929. Ein Beitrag zur Geschichte unserer Vaterstadt, Hamburg 1928, S.211
3 vgl. Schulteß‘  Rede, die er am 13. August 1914, also wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur „Eröffnung des Unterrichtes“  nach den Sommerferien gehalten hat. In: ders., Aus drei Jahrzehnten des Hamburgischen Johanneums, hg. v. Carl Schulteß, Hamburg 1927, S.284-288. „Auch das Johanneum von 1914“, formuliert Schulteß wenig später (27.1.2915) anlässlich der „Kaiserfeier im neuen Johanneum“ (ebd., S.310-320, S.317), „wird seine Zeit beobachten und verstehen.“ Es hat darin – nichts anders wie wohl heutige Schulen auch  –  dem „Bedarf der Zeit zu folgen gewusst“ (S.316)
4 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.362-374
5 Oskar Brüssau, Luthergeist – deutscher Geist! Ein Gruß zum Reformationsjubiläum allen evangelischen Deutschen im Heer und daheim, Leipzig/Hamburg 1917, S.48
6 Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund der damals zunehmenden Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken vgl. Martin Greschat, Reformationsjubiläumsjahr 1917. Exempel einer fragwürdigen Symbiose von Politik und Theologie, in: WPKG 61 (1972), S.419-429, 419ff.
7 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.372
8 So im Gedicht „Luther und Frundsberg“  von Rudolf Hagenbach, das der Rede Schulteß‘  unmittelbar vorangegangen war.
9 Zur Rolle speziell dieses Lieds vgl. Michael Fischer, Religion, Nation, Krieg. Der Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“ zwischen Befreiungskriegen und Erstem Weltkrieg, Münster/New York 2014
10 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.373
11 So Carl Schulteß als Herausgeber der Reden seines Bruders im Überblick über das „Leben von Friedrich Schulteß“, ebd. S.7-45, S.41 u. 43

Dr. Egbert Stolz