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Wie sah das Reformationsjubiläum am Johanneum 1917 aus?

Auch wenn die großen Feierlichkeiten, die man 1917 im Deutschen Reich zum 400. Jubiläum des Thesenanschlags geplant hatte,  wegen des Ersten Weltkriegs ausfielen, war Luther in mehreren Hunderttausend Publikationen präsent. Die Deutschen sollten, so konnten ihre damaligen Leser unschwer heraushören, sich Luther mit seinem Gottvertrauen zum Vorbild nehmen, um den Krieg doch noch zu gewinnen. Wie schon bei der Feier von 1883 anlässlich des 400. Geburtstags Luthers erreichte die Instrumentalisierung des Reformators als geschichtspolitische Ikone im vorletzten Kriegsjahr einen weiteren Höhepunkt.1
Wie stand es um das Reformationsgedenken damals an der Gelehrtenschule des Johanneums, dessen Schüler und Lehrer im November 1914, also im ersten Kriegsjahr, das neu errichtete Gebäude am heutigen Standort  bezogen hatten? Wie erlebten sie den 31.10.1917, der auf einen Mittwoch fiel?  Auch das Johanneum hatte sich in den Jahren davor dem Geist der Zeit nicht entzogen. Noch über ein Jahrzehnt später blickt der damalige Schulleiter Prof. Dr. Edmund Kelter  (1925-1933) mit erkennbarem Stolz darauf zurück, dass diese Schule in der Ära des Wilhelminischen Reiches unter dem Direktor Prof. Dr. Friedrich Schulteß (1888-1919) „die Schüler zu kerngesunden, begeisterten Deutschen und energischen Männern der Tat gebildet hatte“2.
Das Gedenken an die Reformation 1917 trug, soweit wir das den Zeugnissen aus jenen Tagen entnehmen können, deutliche Spuren der „Ideen von 1914“3 in sich, auch wenn diese inzwischen durch die Erfahrungen des Krieges eingetrübt waren. Wie das vorläufig letztmalige Erscheinen des schulischen Jahresberichts zu Ostern 1916, der zunehmende Stundenausfall und die Notreifeprüfungen belegen, vor allem aber an den allwöchentlichen Kriegsandachten sowie am Tod zahlreicher Schüler und nicht weniger Lehrer sichtbar wird, hatte sich der Krieg bis in Schulalltag  hinein ausgewirkt. Am 30. Oktober fand  in der Aula der Schule am Vormittag um elf Uhr eine „Vorfeier zum Reformationsfeste“ statt. Am Beginn stand eine Lesung aus der Bibel, eingerahmt von zwei Liedern Luthers, die den Ton der Feier vorgaben: „Ein‘ feste Burg ist unser Gott“ mit der ersten Strophe, gesungen von allen Anwesenden, und „Erhalt‘ uns, Herr, bei deinem Wort“, vorgetragen vom Chor. Im Anschluss an diese liturgisch gehaltene und zugleich kämpferisch anmutende Intonation der Feier rezitierten Schüler Gedichte, lediglich vom Auftritt des Chors unterbrochen mit einer Vertonung von Hans Sachs‘ Poem „Die Wittenbergisch Nachtigall“. Die sechs Gedichte stammen sämtlich aus dem Fundus der nationalpoetischen Trivialliteratur. In unterschiedlicher Akzentuierung, bei der wahlweise mehr der Mönch, der Kämpfer gegen Papst und Kaiser, der Schöpfer der deutschen Sprache, der Freiheitsheld und politische Prophet der Deutschen im Vordergrund stehen, beschwören die vorgetragenen Verse Luther als Inkarnation „deutscher Frömmigkeit“ und rühmen ihn als national-religiösen Heros. Sie greifen Episoden aus dem legendenhaften Erinnerungsbestand über den Reformator auf, darunter immer wieder den Anschlag der Thesen am 31. Oktober 1517 und den Auftritt Luthers vor Kaiser und Reich in Worms 1521, und dürften, indem sie Luther als mutigen Held vorführen, insbesondere die jüngeren Schüler angesprochen haben. Die Feier, die ihren Höhepunkt mit der Ansprache des Direktors erreichte, ist in ihrem Ablauf dramaturgisch genau durchdacht. Sie zielt insgesamt auf eine Art memorial-charismatische Aneignung des Reformators, über die sich die versammelte Schulgemeinschaft in die Schicksalsgemeinschaft der sich durch den Krieg geprüften Nation hineinbegibt.
Die Rede des Direktors,  deren Vortrag zeitlich gut die Hälfte der Zeit der Feier eingenommen haben dürfte, verdient besondere Aufmerksamkeit.4 Während in nicht wenigen schriftlichen Beiträgen, die aus dem Jubiläumsjahr 1917 bekannt sind, die Erinnerung an die Reformation zur mentalen Aufrüstung ihrer Leser ganz in den Dienst der Kriegspolitik des Deutschen Reiches gestellt ist, wird man dies von dieser Rede nicht in Gänze behaupten können. „Hindenburgworte im Lutherton“ neben die  entsprechenden „Lutherworte zu Hindenburggedanken“ zu stellen, wie es andere damals lautstark taten5, kommt Schulteß jedenfalls nicht in den Sinn. Als Repräsentant der „Stammschule Hamburgs“ (Schulteß), des bis ins späte 19. Jahrhundert einzigen Gymnasiums der Stadt,  weiß er sich dessen „gelehrter“ Tradition verpflichtet und bevorzugt einen kultivierten Ton,  ohne dass die nationalprotestantische Grundierung zu überhören ist. So lässt Schulteß zunächst das 300jährige und 400jährige Reformationsgedenken am Johanneum Revue passieren und kommt in diesem Zusammenhang ausführlich auf seitherige Entwicklungen im politischen wie kirchlichen Raum sowie das allgemeine Geistes- und Kulturleben im 19. Jahrhundert zu sprechen. Seine Ausführungen sind dabei von einer  konfessionellen Animosität geprägt, die stark an die Zeiten des Kulturkampfes erinnern und den heutigen Leser befremden, etwa wenn der Redner in protestantischem Selbstlob die geschichtliche Tiefenwirkung des „reformatorischen Bildungswerks“ immer wieder breit ausmalt, um den Katholizismus in die zweite Reihe zu stellen.6 Erst ganz am Ende seiner Rede, auf den letzten anderthalb Seiten des im Druck insgesamt elf Seiten umfassenden Vortrags –  nach einem Intermezzo zur Bedeutung Luthers für die deutsche Sprache –  fasst Schulteß  die geschichtspolitische Aktualisierung der Reformation ins Auge und stellt die Erinnerung an den Auftritt des einsamen Mönchs Luther 1517 in den Dienst kollektiver Selbstbehauptung der Deutschen im Jahre 1917. Aus dem „Held des Glaubens“ wird ihm der „Held des Deutschtums“, der zum „gemeinsame(n) opferwillige(n) Heldentum“ ermutigen soll:  „Wenn eine Welt wider uns steht: Luther und sein Reformationswerk hat uns gekräftigt, dawider standzuhalten. Er selbst stand wider eine Welt, die ihn mit Feuer und Schwert bedrohte. … Er ist das Urbild zu dem Worte: ‚Wir Deutschen fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt.‘“7  Wie die meisten Redner im Jahr 1917 betritt damit auch der Direktor des Johanneums in seiner Ansprache den Ort politischer Hermeneutik, an dem sich „Pickelhaube“ auf „Glaube“ reimt8, Reformationsgedächtnis und Krieg einander begegnen, der innere, religiöse Kampf des Reformators und der militärische Kampf der Deutschen untrennbar miteinander verschmelzen. Schüler, die nach den vielen gelehrten Worte des Direktors bereits ermüdet gewesen sein sollten und ihm am Ende seiner Rede gedanklich nicht mehr zu folgen vermochten, hatten gleichwohl nichts verpasst, denn dieselbe Botschaft hielt für sie am Schluss der Feier noch einmal der gemeinsame Gesang der dritten und vierten Strophe von „Ein feste Burg ist unser Gott“ bereit, der die Rede musikalisch einrahmte: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen … Das Reich muss uns doch bleiben.“9 Gut ein Jahr später, im November 1918, war von diesem am späten Vormittag  des 30. Oktober sicherlich recht innerweltlich verstandenen Reich nur wenig übrig geblieben. Schulteß selbst, der, monarchisch gesinnt, bis zuletzt im „deutsch-nationalen Kaisertum … Hort und Halt“10 erblickt und an den „Sieg der deutschen Sache“ glaubt hatte, sollte den für ihn „traurigen, unfassbaren Ausgang“11 des Ersten Weltkriegs nur knapp überleben. Er, der gleich zu Beginn des Krieges einen Sohn verloren hatte, starb am 27. April 1919.
Was kann man aus dem Abstand von einem Jahrhundert zum Reformationsgedenken am Johanneum im Jahre 1917 sagen? Man sollte, ehe man vorschnell urteilt, zunächst einmal staunen, wie anders die Zeiten damals waren.  Nur dann eröffnet sich ein Reflexionsraum, der uns erspart, die Vergangenheit nach Maßgabe aktueller ideologischer Bedürfnisse zu beurteilen und über frühere Generationen leichtfertig den Stab zu brechen. Die Reformationsjubiläen hatten seit Anbeginn stets der Selbstverständigung über den religiös-konfessionellen (so 1717), den geistig-kulturellen (so eher 1817) und politisch-nationalen (so vor allem 1917) Standort gedient. Im Medium der Erinnerung teilen Menschen mit, was ihnen wichtig ist und wer sie sind. Auch heutzutage ist das so. Es lohnt sich deshalb hinhören, was sie an unserer Schule damals zu sagen hatten, auch wenn es uns aus dem Abstand der Zeit heraus schwerfällt, sie zu verstehen.

1 Die nach wie vor beste  Übersicht bietet Gottfried Maron, Luther 1917. Beobachtungen zur Literatur des 400. Reformationsjubiläums, in: ZKG 93 (1982), S.177-221
2 Edmund Kelter, Hamburg und sein Johanneum im Wandel der Jahrhunderte 1529-1929. Ein Beitrag zur Geschichte unserer Vaterstadt, Hamburg 1928, S.211
3 vgl. Schulteß‘  Rede, die er am 13. August 1914, also wenige Tage nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur „Eröffnung des Unterrichtes“  nach den Sommerferien gehalten hat. In: ders., Aus drei Jahrzehnten des Hamburgischen Johanneums, hg. v. Carl Schulteß, Hamburg 1927, S.284-288. „Auch das Johanneum von 1914“, formuliert Schulteß wenig später (27.1.2915) anlässlich der „Kaiserfeier im neuen Johanneum“ (ebd., S.310-320, S.317), „wird seine Zeit beobachten und verstehen.“ Es hat darin – nichts anders wie wohl heutige Schulen auch  –  dem „Bedarf der Zeit zu folgen gewusst“ (S.316)
4 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.362-374
5 Oskar Brüssau, Luthergeist – deutscher Geist! Ein Gruß zum Reformationsjubiläum allen evangelischen Deutschen im Heer und daheim, Leipzig/Hamburg 1917, S.48
6 Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund der damals zunehmenden Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken vgl. Martin Greschat, Reformationsjubiläumsjahr 1917. Exempel einer fragwürdigen Symbiose von Politik und Theologie, in: WPKG 61 (1972), S.419-429, 419ff.
7 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.372
8 So im Gedicht „Luther und Frundsberg“  von Rudolf Hagenbach, das der Rede Schulteß‘  unmittelbar vorangegangen war.
9 Zur Rolle speziell dieses Lieds vgl. Michael Fischer, Religion, Nation, Krieg. Der Lutherchoral „Ein feste Burg ist unser Gott“ zwischen Befreiungskriegen und Erstem Weltkrieg, Münster/New York 2014
10 vgl. Schulteß, Reformationsfeier 1917, S.373
11 So Carl Schulteß als Herausgeber der Reden seines Bruders im Überblick über das „Leben von Friedrich Schulteß“, ebd. S.7-45, S.41 u. 43

Dr. Egbert Stolz

Eine kurze Schulgeschichte in acht Kapiteln

Das Johanneum im ersten Jahrhundert seines Bestehens

1529 gründet Johannes Bugenhagen im Rahmen seiner reformatorischen Kirchenordnung für Hamburg eine Lateinschule in den Räumlichkeiten des säkularisierten dominikanischen Johannisklosters: die Gelehrtenschule des Johanneums. Fünf Klassen finden hinter den zugemauerten Arkaden des ehemaligen Kreuzgangs sowie im Refektorium des Klosters ihren Platz.

 johanneum hamburg speckter 1840
Schulhof des Johanneums im Johanniskloster Lithographie von O. Speckter, 1840 [1]
Rektor und Lehrer werden aus dem eingezogenen Klostervermögen bezahlt und erhalten Schulgeld. Neben dem intensiven Studium der Alten Sprachen (Latein, Griechisch und Hebräisch) stehen die religiöse Unterweisung und das liturgische Chorsingen im Mittelpunkt der Lehre. Zur Schulung der rhetorischen Geschicklichkeit sollen regelmäßig Theaterstücke aufgeführt und Rede-Actus gehalten werden. Das Lehrprogramm ist ganz darauf ausgerichtet, alle Schüler zu guten evangelischen Christen heranzubilden und günstigstenfalls auf eine Gelehrtenlaufbahn vorzubereiten.

Joachim Jungius
Joachim Jungius [2]
Im 16. Jahrhundert wird die Schule durch mehrere Überarbeitungen der Schulordnung pädagogisch und organisatorisch gefestigt – und sie floriert: Es sind erstaunlich hohe Schülerzahlen überliefert. Noch gibt es keinen Deutschunterricht, aber unter dem  Rektorat des Naturwissenschaftlers und Philosophen Joachim Jungius (1629-1640) wird die Mathematik gestärkt und naturwissenschaftlicher Unterricht eingeführt.

 

Die „bibliotheca Johannei“

Bugenhagen sieht in seiner Schulordnung die Gründung einer Bibliothek vor, deren Grundbestand religiöse und liturgische Werke aus der ehemaligen Klosterbibliothek bilden. Die Bücher werden in Schränken auf die Klassenzimmer verteilt. Seit dem frühen 17. Jahrhundert  wird der Bestand durch Schenkungen von Privatbibliotheken mit altphilologischem und humanistischem Sammlungsschwerpunkt erheblich erweitert. 1648 legt man die Schulbibliothek mit der des Akademischen Gymnasiums in den Räumlichkeiten der ehemaligen Klosterbibliothek zur sog. „Rats-Bibliothek“ zusammen, für die sogar ein eigener Bibliothekar angestellt wird. Bald tritt jedoch durch weitere bedeutende Stiftungen erneut Platzmangel ein. Diesmal entschließt man sich zu einem Neubau: Das an die Schule angrenzende Rektorenhaus wird abgerissen und ein eigenes Gebäude errichtet, das 1751 eingeweiht und von der nunmehr „Öffentlichen Stadtbibliothek“ bezogen wird. 1779 wird dann erneut eine eigene, selbstverwaltete Schulbibliothek gegründet, die in den ersten Jahrzehnten ausschließlich aus privaten Vermächtnissen hervorgeht. Erst 1866 wird der Schule ein Budget zur systematischen Erweiterung ihres Bestandes zugewiesen.

Johanneum, Akademisches Gymnasium und Bibliothek kolorierte Lithographie von Peter Suhr
Johanneum, Akademisches Gymnasium und Bibliothek / kolorierte Lithographie von Peter Suhr

 

Das Akademische Gymnasium (1613-1883)

Um den Absolventen des Johanneums und der verschiedenen Privatschulen der Stadt die Möglichkeit zu geben, sich für die Aufnahme eines Universitätsstudiums besser vorzubereiten, gründet man 1613 das Akademische Gymnasium, an dem man Vorlesungen aus dem traditionellen Fächerkanon der Artistenfakultät hören kann. Dafür werden bedeutende Gelehrte berufen. Das Akademische Gymnasium bleibt eine von der Schule einerseits ganz unabhängige Institution, ist andererseits mit dieser oftmals personell eng verflochten. Schule und Gymnasium teilen sich die Bibliothek und die Räumlichkeiten des Johannisklosters und später die des Neubaus am Speersort. Mit der reichsweiten Einführung des Abiturs als Berechtigung zum Hochschulzugang (1870) verliert das Akademische Gymnasium seine Funktion und wird 1883 geschlossen. Das öffentliche Vorlesungswesen findet allerdings seine Fortsetzung im neugegründeten Kolonialinstitut und später in der Hamburger Universität (1919).

 

Das Johanneum im 18. Jahrhundert: Krise und neue Blütezeit

Um 1700 gerät die Schule in eine schwere Existenzkrise: Die Schülerzahl fällt rapide. Ein Grund für das mangelnde Interesse wird darin gesehen, dass die Schule den Anforderungen der Zeit nach einer lebensnahen, also berufsorientierten Ausbildung in ihrem Bildungsgang nicht entspricht. Privatschulen sind schon seit Längerem in scharfe Konkurrenz zu der alten Lateinschule getreten. Weder die Berufung des bedeutenden Altphilologen Johann Albert Fabricius als Rektor (1708-11) noch verschiedene Reformversuche können die Situation nachhaltig verbessern. Erst mit dem Rektorat des Aufklärers Johann Samuel Müller (1732-1773), einem großen Pädagogen und Verfasser von Opernlibretti und deklamatorischen Texten, erfährt das Johanneum eine neue Blütezeit.

Einladung zu eine „Red-Übung“ durch Joh. Sam. Müller
Einladung zu eine „Red-Übung“ durch Joh. Sam. Müller [4]
Die Schule wird sogar zu einer der wichtigsten Institution des kulturellen Lebens in Hamburg: Eine Vielzahl von gut besuchten Theateraufführungen, den traditionellen, jetzt wieder verstärkt gepflegten Rede-Actus (auf Latein oder Griechisch sowie auf Deutsch) finden großen Anklang. Sie stammen die vielfach aus Müllers Feder und werden musikalisch umrahmt von Kompositionen der Kantoren Georg Philipp Telemann oder Carl Philipp Emanuel Bach. Unter Müllers Rektorat besuchen etliche der späteren Aufklärer und Reformer Hamburgs die Schule, die im Jahre 1737 über 1000 Schüler zählt.

Im späten 18. Jahrhundert wird die Stundentafel schrittweise modernisiert: Der Deutschunterricht wird fest verankert, Englisch und Französisch durch externe Lehrkräfte unterrichtet (ab 1777), Geschichte und Geographie aufgenommen. Das bisherige Verhältnis von 22 Stunden Sprachunterricht zu 8 Stunden in den anderen Wissenschaften verschiebt sich bis zum Ende des Jahrhunderts auf 18:12 zugunsten der „Realien“.

 

Die berühmten „cantores Johannei“

Die große Bedeutung, die dem Musikunterricht aufgrund seiner liturgischen Funktion von Bugenhagen beigemessen wurde, manifestiert sich in der langen Tradition der Kantorei. Die Musikdirektoren der Stadt, nicht selten Berühmtheiten, wie z. B. Thomas Selle, Georg Philipp Telemann oder Carl Philipp E. Bach, sind zugleich Kantoren des Johanneums mit einer Unterrichtsverpflichtung von vier Wochenstunden in den oberen Klassen, derer sie sich allerdings gerne durch die Einsetzung von Vertretern entledigen.

Die Jungen werden musiktheoretisch und instrumental unterwiesen, aber vor allem im Chorgesang geschult, zu dem sie in den Gottesdiensten der Johanniskirche und in den vier damaligen Hamburger Hauptkirchen sowie auf Leichenbegängnissen verpflichtet sind. Besonders die Begleitung von Trauerfeiern stellt eine einträgliche, für die Freischüler des Johanneums und die schlecht besoldeten Lehrer der Unterklassen notwendige Einnahmequelle dar. Erst im 19. Jahrhundert wird das „Leichensingen“ mit dem Ausscheiden des letzten Kantors, Christoph Schwencke, aufgegeben.

 

Die Schule im langen 19. Jahrhundert: Modernisierung und Expansion

Mit Renaissance und Aufklärung rücken die religiöse Unterweisung und die Vorbereitung auf ein akademisches Studium immer weiter aus dem Zentrum des Bildungsinteresses: Damit gerät die Schule in den grundsätzlichen Zwiespalt, zwischen der Forderung nach einer berufsvorbereitenden Ausbildung durch die „Realien“ (moderne Fremdsprachen, Geographie, Geschichte) und der Pflege von akademischen Bildungstraditionen (die Lehre der Alten Sprachen), deren Nutzen für Menschenbildung und Berufspraxis mal mehr, mal weniger überzeugend vorgetragen werden.

Infolgedessen nimmt die Schule am Ende des 18. Jahrhunderts eine krisenhafte, nahezu existenzgefährdende  Entwicklung: Die einzelnen Klassen verselbständigen sich zu kleinen Privatschulen, deren Lehrangebot mehr und mehr dem einfacher Bürgerschulen gleicht, und schließen sich gegeneinander ab. Manche Klassen gehen ganz ein, so dass um 1800 die Gesamtschülerzahl auf ca. 70 geschrumpft ist.

Angesichts des drohenden Verfalls der Schule entschließt sich das Scholarchat zu einer grundlegenden Reform, die auch eine schulpolitische Wende darstellt. Die Durchführung der Reform ist im Wesentlichen das Verdienst des Rektors Johannes Gurlitt (1802-1827). Mit ihm hält der Neuhumanismus Einzug. Der Missstand des „Privatschulwesens“ wird beseitigt, die Klassen bauen wieder systematisch aufeinander auf. In den unteren Klassen (Octava bis Sexta) kombiniert man die traditionellen Lehrstoffe der Lateinschule mit solchen der Bürgerschule, so dass sowohl der Ruf nach einer möglichst lebensnahen und berufsbezogenen Ausbildung aufgenommen als auch den Erfordernissen für eine spätere akademische Laufbahn Genüge getan wird.

Johannes Gurlitt, 1827[8]
Johannes Gurlitt, 1827[8]
Ab der Quinta richtet man eine kaufmännisch ausgerichtete Parallelklasse ein. In den oberen Klassen werden die Schüler in einem modern anmutenden, nach Leistungsstufen organisierten Kurssystem unterrichtet. Durch eine freiwillige Maturitätsprüfung wird der Zugang zum Akademischen Gymnasium geregelt. Auch werden die der Schule zufließenden Gelder systematisch zusammengefasst und über einen festen Schlüssel verteilt. Gezielt fördert man begabte Jungen, ohne Ansehen ihrer Religionszugehörigkeit oder minderer Rechtsstellung. Gurlitts Reformen und nicht zuletzt sein diplomatisches wie selbstbewusstes Eintreten für Schulbelange gegenüber der französischen Besatzungsmacht  retten das Johanneum vor dem Untergang: 1827 hat die Schule bereits wieder 400 Schüler.

Dennoch haben die Reformen Gurlitts keinen langen Bestand: Das Zwitterwesen aus Bürger- und Gelehrtenschule bewährt sich nicht und so nimmt man 1828 eine Teilung in drei verschiedene Schulen vor: eine Elementarschule, die Gelehrtenschule mit den Klassen Quinta bis Prima und eine Realschule mit 3, später 4 Klassen. Ab 1834/1837 hat sich die Realschule unter einem eigenen Direktor bereits vollkommen verselbstständigt und bekommt 1876 als Realgymnasium des Johanneums schließlich ein eigenes Gebäude. In der Oberstufe kehrt man zur alten Klassenstruktur zurück. Englisch wird ab Tertia obligatorisch, daneben gibt es wahlfrei Spanisch oder Portugiesisch. Physik wird als Fach hinzugenommen, Naturgeschichte stark erweitert. Über die Einführung von Turnunterricht wird nachgedacht. Die Schülerzahlen am Johanneum bleiben mit durchschnittlich 130 vergleichsweise niedrig, aber konstant.

Da das alte Klostergebäude nun mit drei Schulen unter seinem Dach räumlich überfordert und auch inzwischen baufällig geworden ist, beschließt man einen Neubau auf dem Gelände des eben abgerissenen Doms. Das klassizistische Gebäude, das auf einen Entwurf von A. de Chateauneuf zurückgeht, von Franz Gustav Forsmann gezeichnet und von Baudirektor Carl Ludwig Wimmel aufgeführt wird, kann im Mai 1840 feierlich eingeweiht und bezogen werden.

Johanneum während des Großen Brandes von 1842 / Litho von Perter Suhr [8]
Der Große Brand von 1842 richtet dank des tatkräftigen Einsatzes von Lehrern und Schülern nur geringfügigen Schaden an.

 

Seit der Jahrhundertmitte wächst die Schule unaufhörlich (1864: 200 Schüler). Zwar schaffen der Auszug des Realgymnasiums und die Gründung des Wilhelm-Gymnasiums 1881 Entlastung, dennoch ist man weiterhin auf die Anmietung von Nachbarhäusern für die Unterbringung von Klassen und Fachräumen angewiesen. Ein Neubau wird schließlich unumgänglich, welcher von Baudirektor Fritz Schumacher entworfen im frisch erschlossenen Stadtteil Winterhude errichtet wird und im November 1914 bezogen werden kann.

Luftbildaufnahme des Johanneums in Winterhude [10]

Das Johanneum in der NS-Zeit

Während der NS-Herrschaft zeigt sich die Schule weitgehend willfährig: In der Ehemaligenzeitschrift „Das Johanneum“ bekennt die Schule im Juni 1933 offen ihre Regimetreue. Die allermeisten Lehrer und die beiden Direktoren in der NS-Zeit, Werner Puttfarken und Erwin Zindler, verhalten sich ideologiekonform. Das Spektrum reicht von stiller Zustimmung, über die bewusste Indoktrination der Schüler bis zu heftigen antisemitischen Attacken gegen jüdische Schüler.

Hakenkreuzfahnen und Spruchband an den Arkaden (1936?) [11]
Aufgrund ihrer humanistischen Ausrichtung steht die Schule, die 1937 auch in „Johanneum, Gymnasium für Jungen“ umbenannt wird, unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, dem man mit der Argumentation begegnet, humanistische Bildung garantiere die intensive Beschäftigung mit dem „artverwandten (nordischen) kulturschöpferischen Volk der Griechen“ und der „Staatsdisziplin“ der Römer.[12] Außerdem schule die Übersetzungsleistung Sekundärtugenden für die Ausbildung von Führerpersönlichkeiten.[13] Alle anderen Fächer werden an den richtungsweisenden Zielen der Deutschtumspflege, der Wehrhaftigkeit, der Vaterlandsliebe und des Rassenbewusstseins ausgerichtet. Jüdische Lehrer und Schüler werden zunehmend diskriminierender Behandlung ausgesetzt und müssen die Schule verlassen.

Im August 1943 wird das Gebäude so schwer beschädigt, dass viele Klassen in anderen Schulen unterkommen müssen, wenn sie nicht bereits in der Kinderlandverschickung sind. Ohnehin findet der Unterricht in den späteren Kriegsjahren nur noch in sehr eingeschränktem Maße statt.

 

Von 1945 bis heute

Die Zeit nach dem II. Weltkrieg bis heute ist durch Expansion, Reform und eine allgemeine Horizonterweiterung geprägt, ohne dass die Pflege der altehrwürdigen Schultradition dabei je ganz aus dem Blick geriet.

Nach der Kapitulation wird der Unterricht zunächst ausgesetzt und läuft erst im Herbst 1945 wieder an. Das Schulgebäude, das von den Engländern beschlagnahmt wird, kann im Sommer 1946 wieder bezogen werden, allerdings sind die Schäden an Gebäude und Inventar erst fünf Jahre später restlos beseitigt. In der Nachkriegszeit herrschen Brennstoff- und Papiermangel, aber vor allem auch Hunger, der durch eine Schulspeisung notdürftig gelindert wird.

Die Schule erfährt seit den 50er Jahren einen kontinuierlichen, wenn auch nicht ungebrochenen Zuwachs an Schülern (1954: 800 Schüler). Der zunehmenden Raumnot begegnet man mit der Aufstellung von Pavillons. Erst 50 Jahre später wird das Provisorium durch die Errichtung zweier Erweiterungsbauten beendet:

2007 findet die Einweihung des „Forums Johanneum“ statt. Der moderne Bau, ein Entwurf Andreas Hellers, der (fast) zur Hälfte aus gestifteten Mitteln ehemaliger Schüler finanziert wird, bietet einer Mensa, einer Turnhalle und Fachräumen für Kunst, Musik und Theater Platz.

2016 erhält die Schule mit dem „Stufenhaus“, entworfen von den Architekten Bernhard Winking und Martin Froh, einen weiteren Zubau mit 12 neuen Klassenräumen. Das Gebäude wird dem Forum Johanneum stilistisch angepasst.

Eine große Horizonterweiterung bedeuten die fest ins Schulprogramm aufgenommenen Austausche und Reisen:

Den Anfang macht die 1947 begründete Schulpartnerschaft mit der Latymer Upper School (später auch mit der Mädchenschule Godolphin and Latymer School) in London, die bis heute besteht. Der Austausch, ursprünglich in zweijährigem Turnus für drei Wochen, wird zunächst mit Oberstufenschülern durchgeführt. Heute findet er jährlich statt, jetzt aber mit Neuntklässlern und nur noch für 10 Tage. Seit 1987 besteht zudem ein Orchesteraustausch mit den beiden englischen Partnerschulen. 1952 unternimmt eine 11. Klasse eine lange Italienreise. Dadurch wird die Tradition einer „Studienfahrt an antike Stätten“ begründet, die bis heute in Form von Reisen in der Oberstufe ihre Fortsetzung findet. Eine sehr lange Tradition haben auch die winterlichen Klassenfahrten des 7. Jahrgangs in die Radstädter Tauern. Die Schüler wohnen auf der einsam gelegenen Hödhütte, die der Ehemaligenverein seit 1970 dauerhaft pachtet und unterstützt.

1976 wird vergleichsweise spät der erste gemischte Jahrgang auf dem Johanneum eingeschult, 1985 machen die ersten Mädchen Abitur. Weibliche Lehrkräfte unterrichten schon in den 50er Jahren Englisch und Geographie, seit den späten 70ern werden dann Lehrerinnen in allen Fächern und in zunehmender Anzahl fest eingestellt.

Trotz aller – zum Teil substanziellen – Veränderungen (Ausdifferenzierung des Fächerkanons, Oberstufenreform der 70er Jahre, Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre) sind das grundständige Latein und (obligatorisches) Altgriechisch ab der 8. Klasse bis heute beibehalten worden. Auch ist eine der Alten Sprachen nach wie vor verpflichtendes Abiturprüfungsfach, womit sich das Johanneum von allen anderen altsprachlich ausgerichteten Schulen Hamburgs unterscheidet.

 

Auswahlliteratur

Kelter, Edmund: Hamburg und sein Johanneum im Wandel der Jahrhunderte 1529–1929, Lütcke & Wulff, Hamburg, 1928 [K]
Hering, Rainer: „Johanneum“, in: Franklin Kopitzsch und Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon, Hamburg 2010, S. 371.
Tilgner, Daniel: „Akademisches Gymnasium“, in: Franklin Kopitzsch und Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon, Hamburg 2010, S. 22.
Verein der Ehemaligen (Hrsg): 450 Jahre Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg 1979, Hamburg 1979.
Reimer, Uwe: Das Johanneum in der Nachkriegszeit: Innenansichten einer Hamburger Traditionsschule. Hamburg 2014.
„Das Johanneum“ – Zeitschrift der Ehemaligen. 1988 ff.
v. Müller, Christine; Petersen, Uwe; Reimer, Uwe: Symposion. Festschrift zum 475-jährigen Jubiläum der Gelehrtenschule des Johanneums. Hamburg 2004.

 

Bildnachweise
[1] Staatsarchiv Hamburg, Inv.-Nr. 131-06=450/1840.02. https://www.hamburger-reformation.de/blick-zurueck/bildungsoffensive [12.3.2017]

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Jungius [15.03.17]

[3] Privatbesitz.

[4] Einladung zu einer „Red-Übung“ am Johanneum 1745; In: 450 Jahre Gelehrtenschule, S.32.
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Selle#/media/File:Thomas_Selle.jpg [24.3.2017]
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Philipp_Telemann [15.03.17] – koloriertes Aquatintablatt von Valentin Daniel Preisler nach einem verschollenen Gemälde von Ludwig Michael Schneider (1750)
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Philipp_Emanuel_Bach [15.03.17]

[8] Der alte Gurlitt 1827; Ölbild von G. Hardorff d. Ä. Aus: Kelter, E.: Hamburg und sein Johanneum (1929), S. 136.
[9] Abbildung in Kelter, E.: Hamburg und sein Johanneum (1929), S. 158.
[10] Homepage des Johanneums [15.03.17]
[11] Abbildung in: 450 Jahre Gelehrtenschule (1979), S. 130.
[12] 450 Jahre Gelehrtenschule (1929), S. 134; „Das Johanneum“ 12 (1933).
[13] „Das Johanneum“ 3 (1934).
[14]https://www.google.de/search?q=johanneum+hamburg+stufenhaus&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjVl-PO35LTAhVVFMAKHc3fAdsQ_AUIBygC&biw=1366&bih =633&dpr=1#imgrc =imNx006Ie33PRM [17.4.2017] https://www.google.de/search?q=johanneum+hamburg+stufenhaus&source

=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjVl-PO35LTAhVVFMAKHc3fAdsQ_AUIBygC&biw=1366&

bih=633&dpr=1#imgrc=j4ZVzbcWSwwnUM:[7.4.2017]

Die Gelehrtenschule des Johanneums 2017 –  Warum die Erinnerung an 1517 lohnt

Am 31. Oktober eines jeden Jahres, so wird berichtet, soll der Philosoph Hegel ein Glas Rotwein zu Ehren Luthers getrunken haben. Denn dieser, so sah es Hegel, habe dem Prinzip der Subjektivität zum Durchbruch verholfen, ohne das Freiheit im modernen Sinne gar nicht denkbar wäre. Zwar seien die Menschenrechte erstmals 1776 formuliert worden, aber eben nicht zufällig von den Nachfolgern jener Pilgerväter, die bekanntlich zuvor in England zu den protestantischen Dissenters gehört hatten und Anfang des 17. Jahrhunderts in die neue Welt aufgebrochen waren.

Hegels philosophischer Geschichtsdeutung mag der Historiker nur zögernd folgen und sie ist in den letzten zwei Jahrhunderten erfolgreich relativiert worden. Ohne Luther lässt sich die Geschichte der Reformation allerdings auch heute nicht erzählen. Was ist also der innere Kern der Reformation, für die der Thesenanschlag am 31. Oktober das populäre Erinnerungsbild abgibt?

Ein Jahr vor seinem Tod, 1545, hat Luther seine entscheidende theologische Entdeckung rückblickend so beschrieben: Unsere eigene Kraft reicht nicht aus, unser Leben gelingen zu lassen, ohne die Hilfe Gottes ist der Mensch verloren. Was Luther meint, wird für uns anschaulich an Kafkas „Prozess“. „K. lebte in einem Rechtsstaat“, heißt es dort, und an seinem dreißigsten Geburtstag ist ihm vom Gericht aufgetragen worden, eine Eingabe zu machen, in der er alle wesentlichen Momente seines Lebens aufzählen und bewerten, sich also rechtfertigen sollte. Er mobilisiert alle Mittel, von denen er sich Rechtfertigung erhofft, aber je mehr er zu seiner Rechtfertigung beibringt, desto ungerechtfertigter kommt er sich vor. Was bekanntlich zum Entzug der Lebenserlaubnis führt, zu der von K. selbst veranstalteten Selbst-Hinrichtung. Ähnlich wie K. fand sich Luther in einen existentiellen Prozess verstrickt, in dem es um Leben und Tod geht und den er zu verlieren drohte  – bis er entdeckt, dass Gott ihn nicht (hin)richten will, sondern umgekehrt begnadigt, indem er ihn vom Zwang der Selbst-Rechtfertigung befreit und ihn ohne Gegenleistung ins Recht setzt. „Denn im Evangelium zeigt uns Gott seine Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, zu der man durch den Glauben Zugang hat; sie kommt dem zugute, der ihm vertraut.“ (Röm 1,17) Luther beschreibt ausführlich, wie ihm an dieser Textstelle wortwörtlich ein Licht aufging, als er entdeckt, dass nicht von einer strafenden Gerechtigkeit, sondern vom Recht-Wirken Gottes die Rede ist, Paulus hier also nicht der griechischen Tugendlehre, sondern dem hebräischen Bundesgedanken das Wort gibt. In einfacher Sprache gesagt: Es geht um die Erfahrung und Einsicht, dass, wenn Gott ins Spiel kommt, der Mensch mehr ist, als seine Physis, seine sozialen Rollen und seine Lebensleistung über ihn aussagen. Und dass sich mit Gott als Mitspieler einen Freiheitsraum eröffnet, über den keine irdische Macht verfügen kann: das Gewissen, ein „heymlich, geystlich, verborgen ding“, das uns befähigt, uns selbst „zu richten und meystern“. „Denn uber die seele kann und will Gott niemant lassen regirn denn sich selbs alleyne.“ (Luther)

Vor genau 50 Jahren, zum 450jährigen Jubiläum der Reformation hatte der damalige Schulleiter des Johanneums geschrieben: „Eine Schule wie das Johanneum, die sich dem Humanismus verpflichtet weiß, in dessen Zentrum die Frage nach der Bestimmung des Menschen steht, kann und darf auf die christlichen Antworten nicht verzichten, mit denen eine Grundmöglichkeit des Verständnisses menschlicher Existenz in die Geschichte eingetreten ist, die nicht wieder verschwinden darf, wenn sie nicht eine wesentliche Kraft ihrer Bewegung, ihres Reichtums und ihrer Tiefe verlieren soll. Eine Verabsolutierung des Humanums nimmt dem Menschen die Möglichkeit, sich als Bestimmtes, als ein durch das ‚Ganz Andere‘ des Glaubens Begrenztes, als ein homo definitus zu erfahren und führt – griechisch gesprochen – zum ἄνθρωπος ἀόριστος (anthropos aoristos) – d.h. zum Mensch ohne Horizont.“ (Karl F. Bornitz, Rector Johannei 1972-2001) Ohne Grenzziehung, d.h. ohne Unterscheidung ist ein Horizont nicht zu haben. Luther bietet uns viele solcher Unterscheidungen an wie die zwischen Gesetz und Evangelium, Glaube und Werk, innerem und äußerem Menschen, geistlichem und weltlichem Reich. Sie alle eröffnen Fluchten aus dem Immanenztotalitarismus und bewahren davor, das Humanum zu verabsolutieren, d.h. Humanismus zum Anthropotheismus werden zu lassen, zur Selbstvergöttlichung des Menschen.  Man muss ja nicht gleich Hegels emphatischen Blick auf die Reformation teilen und am 31. Oktober auf den Thesenanschlag anstoßen, aber es lohnt sich 500 Jahre später, Luthers theologische Entdeckung in Erinnerung zu rufen.

Dr. Egbert Stolz