Das deutsche Schulwesen vor der Reformation

Die unterschiedlichen Schularten

Die schulische Bildung prägte bereits die Menschen im antiken Griechenland und gewann über Jahrhunderte mehr und mehr an Bedeutung. Mit dieser Bedeutung nahm auch die Differenzierung des Schulwesens immer weiter zu. So geschah es, dass sich auch im Mittelalter einige verschiedene Schulen bildeten. Da das Christentum im Mittelalter die vorherrschende Religion war, war die Trennung von Schule und Christentum undenkbar, was bedeutet, dass fast alle Schulen stark unter religiösem Einfluss standen[1]. Trotz dessen unterschieden sich die Schularten in vielerlei Hinsicht.

Ab dem 7./8. Jahrhundert bildeten sich die Kathedral- oder Domschulen, welche um 1500 an den Bischofssitzen vorzufinden waren. Zu der Zeit gab es dreißig Bistümer, demnach auch etwa dreißig Kathedral- oder Domschulen. Diese strebten ursprünglich die Ausbildung von Klerikern an.

Zeitgleich entstanden die Klosterschulen, welche im Mittelalter wesentlich verbreiteter in Deutschland als die Kathedral- oder Domschulen waren. Diese befassten sich wiederum mit der Ausbildung von Mönchen und öffneten ihre Türen nach 1200 zum Teil auch für Nicht-Kleriker[2].

Neben diesen beiden Schularten gab es die sogenannten Elementarschulen. Sie bauten auf den Pfarrschulen auf, die begabte Schüler auf den Priesterberuf vorbereiten oder die Bevölkerung in den Grundlagen des christlichen Glaubens unterweisen sollten. Die Elementarschulen tauchten ab 1200 unter verschiedenen Bezeichnungen erstmals in Städten und später auch auf dem Land auf[3].

Ebenfalls ab ca. 1200 entstanden in größeren Städten privat betriebene „Teutsche Schulen“ oder auch Schreibschulen, die gegründet wurden, da es in diesem Jahrhundert einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland aufgrund der Entwicklung des Handels gab. Dies nützte vielen Kaufleuten, die für Aufgaben wie das Schreiben von Briefen, die für den Fernhandel wichtig waren, Gehilfen suchten, um Wohlstand zu erlangen [4]. Deshalb bildete man die Schüler an diesen Schulen für die Anforderungen in Handel und Gewerbe aus. Dies beinhaltete vor allem die Anfangsgründe des Lesens und Schreibens und sah bis auf das lateinische A B C keinen Lateinunterricht wie an anderen Schulen vor[5].

Durch die Abweichungen des Vorgehens an „Teutschen Schulen“ im Vergleich zu den anderen entstanden viele Konflikte mit der Kirche. Auch in Hamburg kam es seit Anfang des 15. Jahrhunderts zu Auseinandersetzungen, vor allem dann ab 1472. Denn in diesem Jahr klagte der Scholasticus Hermann Duker einen Priester und zwei Laien wegen der Eröffnung deutscher Schreibschulen in Hamburg an, obwohl diese zu der Zeit mit Bewilligung des Hamburger Rates erlaubt waren[6]. Die Angeklagten wurden exkommuniziert, dem Hamburger Rat mit Exkommunikation gedroht, wenn die Schulen nicht unverzüglich geschlossen würden. An dieser Stelle gingen der Hamburger Bürgermeister und der Rat tätlich gegen den Scholasticus Duker durch die Vertreibung aus seiner Schule und dessen Plünderung vor, woraufhin dieser allerdings den Konflikt bis vor die römische Kurie brachte. Nach der fünf Jahre anhaltenden Auseinandersetzung erhielt Duker drei Sentenzen, die zwar zu einer Einigung führten, allerdings eher dem Scholasticus zu Gute kamen. Der Hamburger Rat sollte somit die Schule St. Nikolai wieder abtreten und keine weiteren Schulen gründen. Zudem wurde beschlossen, dass der Senat jedoch ein einziges Haus als Schule halten durfte, die nur das Lesen und Schreiben lehrte und für nicht mehr als vierzig Schüler eingerichtet war. Dabei hatte der Scholasticus die Aufsicht und die Oberhoheit über den Lehrer und an ihn ging auch ein Teil des Schulgeldes[7].

Eine große Rolle im Mittelalter spielten die Lateinschulen. Hier wurde der Lateinunterricht besonders betont und das Latein wurde sogar teilweise als Unterrichtssprache genutzt.

Als Beispiel einer Schulordnung im Mittelalter kann der Schulbetrieb einer städtischen Lateinschule teilweise auch auf den Alltag und den Ablauf an anderen Schulen übertragen werden[8]. Diese Schulen wurden von Rektoren geleitet und es wurde stets nach Arbeitskräften mit abgeschlossener Universitätsausbildung gesucht. Die Schüler wurden nach Alter und Kenntnisstand in drei Gruppen eingeteilt, was allerdings zu der Zeit noch nicht sehr weit verbreitet war[9]. Das Unterrichtszimmer bestand meistens aus acht Sitzbänken für ungefähr vierzig bis fünfzig Schüler und war sonst gefüllt mit Truhen, Kerzenständern, einem Tisch für Unterrichtsutensilien oder einem Katheder für Lehrer[10].Es wurde außerdem auf holzgefassten Wachstafeln mit einem Griffel, dem sogenannten „Stilus“, geschrieben.

An einem Tag wurden die Schüler sechs Stunden unterrichtet. Diese sechs Stunden bestanden aus jeweils zwei Stunden artistischer Grundfächer vor- und nachmittags und jeweils einer Stunde Gottes- oder Chordienst. In der Pause lasen alle das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Sonntags fanden sich wieder alle zur Erklärung des Tagesevangeliums und anschließender Messe zusammen[11].

 

Die Unterrichtsinhalte und wie sie sich unterscheiden

Alle Schulen mit Ausnahme der Schreibschulen vermittelten in erster Linie die christliche Lehre. Das Zentrum des Unterrichts war der Religionsunterricht, in dem das Erlernen von Gebeten, Kirchenliedern und Riten sowie die Vermittlung zentraler Texte des Alten und Neuen Testaments und grundlegender kirchlicher Glaubenssätze eine Normalität war.

Ansonsten basierte der Unterrichtsinhalt an den Schulen auf dem antiken griechisch-römischen Bildungskanon der „Artes liberales“. Diese „freien Künste“ bestanden aus 7 Fächern, die in das „Trivium“ und das „Quadrivium“ eingeteilt waren. Das „Trivium“ war die Grundlage des Unterrichts und bestand aus den drei Fächern Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Das „Quadrivium“ basierte auf dem „Trivium“ und beinhaltete die Fächer Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik[12].

Grammatik war bis in die Reformationszeit das grundlegende und schulisch ausgedehnteste Fach, denn dieses war Lese-, Schreib- und Sprachunterricht zugleich und behandelte auch Sprach- und Textanalysen.

Geometrie war das wichtigste Fach auf wissenschaftsgeschichtlicher Ebene. Dies gründet darin, dass sich der Unterricht nicht nur mit der mathematischen Form von Geometrie beschäftigte, sondern auch mit Architektur und Landesvermessung, was sich im Laufe der Zeit in den Bereich der Geographie ausweitete und somit die empirischen Wissenschaften vertrat. Man widmete sich in den Unterrichtsstunden dann Fragen nach der Beschaffenheit der Länder, Pflanzen, Menschen und Tiere.

Das Fach Arithmetik wurde wiederum in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stark durch die Einführung des arabisch-indischen Ziffernsystems verändert. Dies schaffte das traditionelle Rechnen auf dem Abakus ab und sorgte für eine Formalisierung der Mathematik, zum Beispiel durch die Einführung von Symbolen für Unbekannte und Plus- und Minuszeichen[13].

Zwar wurde das Prinzip der „Artes liberales“ an allen Schulen verwendet, allerdings in verschiedenem Maße. An den Elementarschulen war das Prinzip nur ausgedünnt vorzufinden, während Kloster- oder Domschulen sich stark an diesem Fachkanon orientierten. Lateinschulen übernahmen meist nur den Stoff der Unterstufe der Kloster- und Domschulen und setzen ihre Schwerpunkte auf Religion, Grammatik, Musik und natürlich Latein[14], während sich die Schreibschulen in der Regel auf Grammatik, die Schönschreibkunst  und Mathematik beschränkten.

 

Unterrichts- und Erziehungsmethoden

Im Mittelalter war es meist noch unüblich, die Schüler nach Alter oder Leistungsstand einzuteilen, dies erfolgte größtenteils erst nach 1500. Man stützte sich oft eher auf den direkten Einzelunterricht. Das heißt, dass der Lehrer nur einen Schüler zur „Instruktion“ oder zum Abhören nach vorne treten ließ, während sich alle anderen Schüler still auf ihren Bänken beschäftigen mussten.

Teilweise wurden junge Schüler auch von der Frau des Schulmeisters oder älteren Schülern unterrichtet.

Der Unterricht basierte meist auf reinem Auswendiglernen und stereotypem kaum erläuterten Üben. Man richtete sich dabei hauptsächlich nach den zwei Grundbegriffen der „imitatio“, dem Nachahmen, und der „repititio“, dem Wiederholen. Das Lernverfahren war sehr eintönig und weder einfallsreich noch kinderfreundlich, da der Unterricht oft unter großer Strenge durchgeführt wurde.

Im Mittelalter waren Pädagogen davon überzeugt, dass die Erziehung der Schüler nicht ohne physische und psychische Beeinträchtigung glücken könne, da der Mensch laut der christlichen Erbsündenlehre eher zum Bösen neige[15]. Daher begleiteten die Kinder während ihrer Schulzeit häufig Strafen und Drohungen wie körperliche Züchtigung, Einsperren, Demütigung und Bloßstellung.

 

Bildungschancen

Von 1250-1500 stieg die Anzahl der Schulen, was ein Hinweis für das wachsende Bildungsinteresse und die Verstärkung des Bildungsangebotes war[16]. Allerdings lag die Lesefähigkeit der städtischen Bevölkerung nach Schätzungen bei 10-30% und die Bildungsmöglichkeiten der Bewohner auf dem Land, die 80% der Gesamtbevölkerung ausmachten, waren stark begrenzt. Dies galt auch für die Bildung der Mädchen, da für diese zwar Bildungsmöglichkeiten existierten, allerdings nur in einigen Frauenklöstern oder durch Privatunterricht für Adelige[17]. Dies waren also eher Ausnahmen statt wirkliche Bildungsmöglichkeiten.

 

 Ava Egbuna (disc. Joh.) 2017

[1]Hamann, Bruno : Geschichte des Schulwesens. Werden und Wandel der Schule im

ideengeschichtlichen und sozialgeschichtlichen Zusammenhang, Bad Heilbrunn 1986

[2] Liedtke, M. in Hess, D.: Mit Milchbrei und Rute- Familie, Schule und Bildung in der Reformationszeit, 2005, S.54

[3] vgl. ders.: Liedtke, M.: S. 55

[4] Bott, G. (Hrsg.): Martin Luther und die Reformation in Deutschland, 1983, Kapitel III, S. 94

[5] Meyer, Eduard: Geschichte des hamburgischen Schul- und Unterrichtswesens im Mittelalter, 1843, S.144

[6] vgl. ders.: Meyer E.: S. 145

[7] vgl. ders. Meyer, E.: S.149

[8] vgl. ders.: Bott, G.: S. 91

[9] vgl. ders.: Bott., G.: S. 91

[10] vgl. ders.: Liedtke, M. in Hess, D.: S.61

[11] vgl. ders.: Bott, G.: S.91

[12] vgl. ders.: Liedtke, M.: S.56

[13] vgl. ders.: Liedtke, M..: S.58

[14] vgl. ders.: Bott, G.: S.90

[15] vgl. ders.: Liedtke, M.: S.60

[16] vgl. ders.: Liedtke, M.: S.56

[17] vgl. ders.: Liedtke, M.: S.65