Die Reformation als Bildungsbewegung

Mit Martin Luthers 95 Thesen über den Ablasshandel beginnt 1517 die Reformation, die zu einer grundlegenden Erneuerung des religiösen Denkens führte. In der engen Verbindung reformatorischer Ideen mit der Bewegung des Humanismus formiert sich zugleich ein Bildungsverständnis und entstehen Erziehungskonzepte, die in den neu gegründeten Schulen ihren sichtbaren Ausdruck finden.  Dem zugrunde liegt steht dabei ein Verständnis des Christentums, das sich anhand der folgenden Merkmale beschreiben lässt: Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben, Subjektcharakter des Glaubens, Schriftprinzip sowie schließlich die Priesterschaft aller Gläubigen. In ihnen spiegelt sich das vierfache „allein“ des Protestantismus: Der Christ lebt allein aus dem Glauben (sola fide), dem Glauben allein an Christus (solus Christus), der dem Menschen das Heil allein aus Gnade schenkt (sola gratia), wozu sich ein jeder allein am Wort der Heiligen Schrift ausrichten soll (sola scriptura).

 

  1. Die Lehre von der Rechtfertigung

 Luthers theologische Entdeckungen beim Studium des Neuen Testaments, insbesondere des Römerbriefs des Apostel Paulus, sind in der sog. Rechtfertigungslehre auf den Begriff gebracht. Sie besagt, dass die Rechtfertigung vor Gott einzig durch den Glauben erfolgt. Das durch eine Sünde gestörte Verhältnis zwischen dem Menschen und Gott kann nämlich nicht durch menschliches Tun, sondern nur durch Gott selbst wiederhergestellt werden. Weil Gott selbst die Initiative ergreift und den Menschen begnadigt, ist der Mensch von der Anstrengung befreit, sein Heil aus eigener Kraft bewerkstelligen zu wollen. Von Gott im Leben auf- und ausgerichtet, ist der Christ zwar aufgefordert, gute Werke zu tun, diese sind aber die Folge und nicht mehr die Voraussetzung seiner Versöhnung mit Gott.

  1. Subjektcharakter des Glaubens

Wenn nicht äußere Werke zur Rechtfertigung des Menschen führen, kann auch die Heilsgewissheit selbst keine „objektive“ Tatsache  sein, kein Status, der sich an äußeren Merkmalen ablesen lässt.   Rechtfertigung kann nur „subjektiv“ erfahren und erkannt werden, indem sie sich im Glauben selbst vollzieht. Jeder kann nur selber und allein glauben, d.h. im Glauben lernt der Mensch Ich zu sagen. Mehr als ein Jahrhundert vor Descartes, dessen Philosophie in dem Satz cogito ergo sum ihren Ausgang nimmt, ist von Luther die Vergewisserung in das personale Zentrum des Menschen verlegt worden. Nicht zufällig ist erstmals bei ihm von der „Freiheit des Gewissens“ (libertas conscientiae) die Rede. Diese Vorstellung führte nicht nur zur konfessionellen und kirchlichen Pluralisierung des christlichen Glaubens, sondern begründet maßgeblich das Prinzip der Subjektivität, das dem modernen Individualismus zugrunde liegt.

  1. Schriftprinzip

 Wichtiger als die kirchliche Tradition ist nach Luther für jeden Christen das, was in  der Bibel selbst steht. Gestützt auf die hermeneutische Maxime, der zufolge sich die Heilige Schrift mit Christus als ihrer Mitte sich selbst auslegt (sacra scriptura sui ipsius interpres), entsteht eine neue Freiheit im Verständnis mit der Bibel. Interpretationen, auch wenn diese von Kirchenvätern oder bedeutenden Theologen stammen, stehen zur Disposition, sofern sie nicht durch die Schrift selbst beglaubigt sind. Die Reformatoren kritisieren, dass die Lehre der römisch-katholischen Kirche sich bei ihrem Umgang mit der Bibel mehr auf geschichtlich gewachsene Traditionen als auf das Wort Gottes selbst stützt.

  1. Priesterschaft aller Gläubigen

Da in der Taufe des Menschen dessen Beziehung zu Gott grundlegend besiegelt ist und im Glauben immer wieder von neuem als Zuwendung Gottes erfahren wird, braucht es keine äußere Vermittlung mehr zwischen dem Gläubigen und Gott. Der Auftrag zur Verkündung und Seelsorge beschränkt sich ohnehin nicht auf einen kleinen Kreis Auserwählter, sondern ist  an alle Christen gerichtet. Beides zusammen begründet nach Ansicht Luthers die „Priesterschaft aller Gläubigen“. Ein besonderer Stand der Kleriker, seien diese Mönche oder geweihte Kleriker, ist damit ebenso überflüssig wie die ganze kirchliche Hierarchie.

 Bildungsverständnis und Erziehungskonzepte der Reformatoren

 Wenn der Mensch, wie Christen glauben, zum Bild Gottes geschaffen ist, so wird eine Bildung, die ihn in die Lage versetzt, dieser Bestimmung zu entsprechen, zur zentralen Aufgabe. Dies umso mehr, wenn, wie im Protestantismus, der Glaube stets personalen, individuellen Charakter besitzt. Es sind die o.g. theologischen Grundideen selbst, die Luther die Neuordnung des Schul- und Bildungswesens als zentrale Herausforderung erkennen und tatkräftig angehen ließen. Passend zur Vorstellung von der „Priesterschaft aller Gläubigen“ leiteten ihn dabei Ideen zu einer „Volksbildung“, die wenn auch nicht für alle, so doch für die neu entstehenden bürgerlichen Schichten zukunftsweisend wurde. Jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, sollte zukünftig das Recht haben und dazu befähigt werden, die Heilige Schrift selbstständig zu lesen, zu verstehen und zu beurteilen. In der gebildeten Lebensführung jedes einzelnen Menschen sollte, so das Grundanliegen der Reformatoren, der Glaube in der Welt Früchte tragen. Darin waren sich Luther wie Melanchthon (1497-1560) und Bugenhagen (1485-1558) einig.

Ihnen allen ging es dabei zunächst um eine gute häusliche Erziehung. Indem diese das menschliche Leben in seinen Anfängen formt und ihm eine erste Gestalt verleiht, stellt sie nämlich die Grundlage für das ganze weitere Leben des Menschen in der Welt dar.

Wenn auch der Glaube selbst kein Werk des Menschen, sondern ein Geschenk Gottes ist, d.h. niemals verordnet oder gar gesetzlich vorgeschrieben sein kann, so kommt das Leben eines gläubigen Christen doch nicht ohne äußere Regeln aus. Wie das Kind im Elternhaus in erste Bahnen gelenkt wird, so setzt die Schule diese ordnende Arbeit fort, indem sie sich um seine „Bildung“ kümmert, d.h. wortwörtlich sich ihm „einprägt“ und in ihm „Spuren“ hinterlässt. Innere Bildung ohne irgendeine äußere Ordnung war für die Reformatoren undenkbar. Die Schulordnungen, die sie verfassten, beschreiben deshalb ein Innenleben einer Schule, die stark von Disziplin, Fleiß und Gehorsam geprägt ist. Ein eigenständiger Zugang zur Heiligen Schrift, d.h. das Vermögen, Texte auf Latein, Griechisch oder Hebräisch zu lesen, war eben anders nicht zu erlangen. Die Lateinschulen bzw. humanistischen Gymnasien, deren Anfänge wie im Falle der „Gelehrtenschule des Johanneums“ – 1529 gegründet aus dem Geist der Reformation – oft im 16. Jahrhundert liegen, haben diese Strenge bis weit ins 20. Jahrhundert bewahrt. Obwohl sich Luther anderes erhofft hatte, wiederholte sich in ihnen nur allzu oft, was er selbst als Schüler leidvoll erfahren hatte: „Die Schule“, schreibt er 1524, „(war) … die Hölle und das Fegefeuer …, in der wir gemartert w(u)rden über den Casualibus und Temporalibus, und in der wir doch nichts als eitel Nichts gelernt haben, durch so viel Steupen, Zittern, Angst und Jammer.“ (An die Ratsherren aller Städte deutschen Lands, dass sie christliche Schulen aufrichten und erhalten sollen)

Auch wenn uns die Paukschule, zu denen diese Schulen entgegen den Erwartungen der Reformatoren letztlich wurden, inzwischen recht fremd geworden ist, so kann man doch entdecken, dass gerade diesen Schulen von Beginn an einprogrammiert ist, was unsere Skepsis und Kritik an ihnen überhaupt erst ermöglicht und begründet: das reformatorische Prinzip der Subjektivität, umgeschrieben in die Idee vom kritischen, mündigen, selbstbestimmten Individuum  bzw. – kürzer und besser noch –  eingeschrieben in unsere  Vorstellung von einem gebildeten Menschen. Etwas Besseres ist seither eigentlich niemandem eingefallen.

Davinia Karl, Anting Liu (disc. Joh.) und Dr. Egbert Stolz (praec. Joh.), 2017