Erziehung im Geiste von Reformation und Humanismus

Eigentlich hätte alles 1521 schon vorbei sein  können – nach dem Wormser Edikt, in dem Kaiser Karl V. über Luther die Reichsacht verhängt und die Verbrennung seiner Schriften angeordnet hatte. In Hamburg ist diese kaiserliche Anordnung allerdings nicht einmal verkündet worden. Und schon acht Jahre später, am 15. Mai 1529 wurde Der Erbarenn Stadt Hamborch Christlike Ordeninge vom Rat und der gesamten Bürgerschaft angenommen und neun Tage später, am 24. Mai 1529, im St. Johanniskloster die schola Sancti Johannis, das Johanneum, als neue Lateinschule gegründet. Das Verdienst kommt dem „achtbaren und hochgelehrten Herrn“ Johannes Bugenhagen (1485-1558) zu, dessen Denkmal am heutigen Standort dieser Schule steht.                                                                                         Die von Bugenhagen verfasste Ordeninge regelte viele Einzelheiten des Schullebens von der Auswahl und Anstellung der „scholegesellen“ bzw. „kyndermester“ (Lehrer) und deren Gehälter über den Stundenplan sowie die Einrichtung einer „librye“ (Bibliothek) bis hin zum Schulgeld, das die Eltern zahlen mussten.  Die Schule sollte fünf „Loca“ umfassen, d.h. fünf aufeinander folgende Klassen, die nach der Leistung der Schüler unterschieden waren. Ihr Hauptziel war, dass die Schüler Latein – Griechisch ist vorerst noch wie Hebräisch Wahlangebot –  wirklich beherrschen, d.h. schreiben und sprechen konnten. Und so mussten die Schüler auf Latein Briefe schreiben, lateinische Theaterstücke aufführen. Neben Latein und Mathematik sah der Lehrplan nur zwei weitere Pflichtfächer vor: Musik und Religion. So erhielten alle Schüler jeden Tag um zwölf Uhr durch den Cantor Gesangsunterricht, und der Sonnabend war ausschließlich der Religion gewidmet. Bis auf den Mittwochnachmittag wurde ganztägig unterrichtet. Übrigens: Im Winter begann der Unterricht etwas später, nämlich erst um sieben Uhr.                                                                                                                                                                                              In Bugenhagens Schulordnung von 1529 verbindet sich das Anliegen der Reformation mit dem des Humanismus. „Wir werden das Evangelium nicht wohl erhalten ohn die Sprachen“, hatte Luther die „Ratsherren aller Städte deutschen Landes“ kurz zuvor (1524) gemahnt, „die Sprachen sind die Scheiden, darin dies Messer des Geistes steckt. Sie sind der Schrein, darinnen man dies Kleinod trägt … Ja, wo wirs versehen, dass wir die Sprachen fahren lassen, so werden wir nicht allein das Evangelium verlieren, sondern es wird auch endlich dahin geraten, dass wir weder Lateinisch noch Deutsch recht reden und schreiben könnten“. In der Spur dieser protestantischen Bildungsrevolution des 16.Jahrhunderts heißt es 400 Jahre später z.B. bei dem Schriftsteller Ludwig Hohl: „Deutsch lernt man am besten auf Latein.“ Gerade an Bugenhagens Wirken – neben Hamburg trat er in Lübeck (1531), Pommern (1535), Dänemark und Norwegen (1537), Schleswig-Holstein (1542), Braunschweig-Wolfenbüttel  (1543) und Hildesheim (1544) als Reformator und Schulgründer auf – wird der Zusammenhang von reformatorischem Geist und humanistischer Bildung, von pietas und eruditio, besonders deutlich. Und dabei spielte die neu gegründete Johannesschule, das hiesige Johanneum, eine ganze besondere Rolle.  „Die hamburgische Schulordnung“, so lässt sich im historischen Rückblick erkennen, „ist das vollkommenste Beispiel der neuen, vom Luthertum geschaffenen Form der höheren Schule.“ (Hans Oppermann, Rector Johannei  von 1954-1961). Die „Gelehrtenschule des Johanneums“ als humanistisches Gymnasium ist, vergegenwärtigt man sich die Anfänge, eine Geburt aus dem Geist des Protestantismus. Sind die heutigen Lehrer und Schüler dieser Schule sich eigentlich dessen bewusst, wenn sie allmorgendlich am Denkmal Bugenhagens vorbei ihre Schule betreten?

Dr. Egbert Stolz