Humanismus und Religion in der Schulordnung Bugenhagens

Vermittlung der religiösen Werte in der Schulordnung

In der Präsentation werden verschiedene Aspekte der Vermittlung religiöser Werte dargestellt, darunter erfolgt der jeweilige Textbeleg aus der Schulordnung und daneben ist in Kästen vermerkt, welcher protestantische Grundsatz sich darin wiederspiegelt.

 

Zunächst lässt sich bei einem Blick auf den Stundenplan sofort feststellen, dass der ganze Samstag dem Religionsunterricht gewidmet war, sodass deutlich wird, dass die protestantischen Werte einen hohen Stellenwert hatten und klar vermittelt werden sollten. Das Zitat

  • „Des Sonnabends, den ganzen Tag über zu den genannten Stunden bis zu der Vesper[1], soll man sie den Katechismus[2] verstehen lehren, d.h. die christliche Unterweisung über die Zehn Gebote, den Glauben, das Vaterunser, die Sakramente etc. Den Begabten aber (gebe man) etwas aus dem Neuen Testament oder aus leichten Psalmen oder den Sprüchen Salomonis.“[3]

verdeutlicht dies und erwähnt gleichzeitig das alte Testament und Psalmen, was eng mit der Bibel verknüpftes Lernen bedeutet und somit dem protestantischen Ideal der Berufung auf die Schrift entspricht. Der protestantische Grundsatz der Glaubensautonomie spielt in der Schulordnung ebenfalls eine bedeutende Rolle. Dies wird an der generellen Zielsetzung Bugenhagens deutlich, bei der es um das Mündigwerden der Schüler geht  und  die Befähigung betont wird

  • “zu eigenem, selbstbewusstem Urteil im Bereich von Wahrheit und Glauben (zu kommen), der kein bloßes, unüberprüfbares Nachsprechen von tradierten Inhalten mehr sein soll, sondern Aneignung. Oder, um den Bienenvergleich aufzunehmen: die Schüler sollen selbstständig schreiten können in das biblische Land von Milch und Honig, das der Erkenntnis von Gut und Böse.“[4]

Die Umsetzung davon erfolgt durch den Lateinunterricht, da dieser die Schüler befähigt die Bibel selbst zu lesen, um sich ein eigenes Bild machen zu können:

  • „Um diese religiöse Aufklärung zu bewerkstelligen zu können, entwickelt er (Bugenhagen) sein tiefgreifendes Bildungsprogramm, in dem die Kenntnis der alten Sprachen, zumal des Lateinischen und der klassischen Literatur, auch in ihrer propädeutischen Funktion für das Bibelstudium zentral war.“[5]

In der Schulordnung wird der Lateinunterricht an zahlreiche Stellen erwähnt und  für die Schüler aller Leistungsstufen vorgeschrieben:

  • „In dem untersten loco sollen auf einer Seite die Fibelisten sitzen, auf der anderen Seite die Jungen, die den Donatus lesen lernen und den Cato exponieren. Diesen soll man nachmittags auch Latein geben, ihrem Verstand angepasst.“[6]
  • „Virgilius repetieren, (…) auch die Metamorphosen des Ovidius“[7]

 

 

Ebenfalls eingerichtet werden soll laut Bugenhagen ein Lektorat für freiwillige lateinische Lesungen:

  • „Der Rektor kann zwar einmal in der Woche für die Gelehrten eine lateinische Vorlesung aus der Heiligen Schrift halten oder sonst eine lateinische Rede oder christliche Vermahnung“[8]
  • „In diesem Lektorium sollen auch die Hauptvorlesungen aus der Heiligen Schrift durch den Superintendenten und seinen Adjutor stattfinden. Jeder soll viermal in der Woche lesen (…) über solche Themen, die sie für nützlich halten, zum Besten des Hörers und nicht zum Ruhme des Lesenden.“[9]

Erneut wird der enge Bezug zur Bibel hergestellt und es sollen Stellen ausgewählt werden, die den Hörer zum eigenständigen Denken anregen. Das Vorhandensein der protestantischen Werte des Priestertums aller Gläubigen und der Rechtfertigungslehre lässt sich anhand der Schulordnung nicht belegen, da es sich um generelle Grundsätze handelt. Es lässt sich aber stark annehmen, dass diese grundlegend in den Religionsunterricht und Lesungen eingebunden wurden.

 

Vermittlung der humanistischen Werte in der Schulordnung

 

  • Nach der Ausarbeitung der humanistischen Werte während der Gründungsphase der St. Johannisschule können diese mit dem Lehrplan und Disziplinen in der Schulordnung verglichen werden, sodass ein Fazit, ob die damaligen humanistischen Werte in der Schulordnung umgesetzt wurden und sie tatsächlich als Humanisten-Schule gelten kann, gezogen wird.

 

Beim genauen Studieren die Schulordnung Bugenhagens von 1529 kann man viele Aspekte und Bestimmungen finden, die die Ideenströme der damals aufkommenden humanistischen Werten widerspiegeln. Einerseits ist der Schwerpunkt des Lehrplans auf die antike Sprache nicht zu übersehen, andererseits wird der Gesangsunterricht weitaus stärker gefördert als die meisten heutigen Schulen.

 

In „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani[10] erklärt Johannes Bugenhagen den vorgesetzten Lehrplan, Schulalltag und Schulverhalten der Lehrer und Schüler. Schon zu Beginn schreibt er: „In dem untersten loco solle man (den Schülern) Latein geben“. Mit der untersten loco ist die damalige unterste Schulklasse gemeint. Die neuen Schüler werden schon im ersten Schuljahr mit Latein unterrichtet, wobei „die anderen loca stufenweise so ansteigen, wie die Kinder im Unterricht vorankommen“[11]. Folglich soll der Schwierigkeitsgrad konstant zunehmen, was man schon an dem Lernstoff der nächsten Klasse sieht: „Im zweiten loco (…) soll man die Grammatica (…) gut einüben und (…) gut und richtig schreiben lernen“[12] und darüber hinaus „Paedologie oder die Colloquia (…) repetieren“[13]. Es ist offensichtlich, dass die lateinische Sprache so früh und so stark wie möglich gefördert werden soll, damit die Schüler sich die Sprache gut einprägen.

 

Die Schüler, die die grundlegende Grammatik beherrschen, lässt man nicht nur „Virgilius (und) auch die Metamorphosen des Ovidius (repetieren)“[14] , sondern in der „dritten loco (…) Stücke auswendig lernen“[15]. Der Grund für die Verinnerlichung antiker Schriften hatte Celtis[16] in seiner öffentlichen Rede an der Universität Ingolstadt folgendermaßen dargelegt: „Es ist nicht einfach zu sagen, mit wieviel Mühen und Nachtwachen diesen beiden, das heißt bei den Schriften der alten Philosophen, Dichter und Redner im Schweiße des Angesichtes verweilen muss; denn sie allein sind es, die uns die Art, gut und glücklich zu leben, das Werden des Menschengeschlechtes und den Lauf aller Dinge aufgeschrieben und die uns Mutter Natur gleichsam als nachahmenswert Vorbild und als Spiegel des Lebens vor Augen gehalten haben. (…) Dann werdet Ihr danach streben, den Ursprung aller Dinge und die Natur selbst zu forschen.“[17] Die Lehren der „Philisophen ,Dichter und Redner“ werden durch das Auswendiglernen noch hilfreicher für die Schüler sein, als diese nur zu lesen. So kommt die Vermittlung der „Art, gut und glücklich zu leben“ und der „(nachahmenswerte) Mutter Natur“ effizienter bei den Schülern an.

 

Latein wurde allerdings nicht nur in der Theorie gelehrt. Nachdem sich die Schüler in der vierten loco mit komplexeren Grammatikübungen und Metren auseinandergesetzt haben, üben sie „im fünften loco (…) Dialectica[18] und Rhetorica[19]. (…) Ebenso ist es auch eine gute Übung, daß man sie Komödien spielen läßt oder einige Colloquia Erasmi[20].“[21] Das praktische Können war ebenso wichtig, wie der ‚deutsche Erzhumanist‘ betonte: „Was, bei den unsterblichen Göttern, nützt es nämlich, vieles zu wissen, Schönes und Erhabenes zu erkennen, wenn man darüber nicht in Würde, Eleganz und Nachdruck zu reden vermag?“13  Zu dieser Frage stießen die Schüler in der vierten loco, nachdem sie die Grammatik gemeistert und die wichtigen antiken Literaturen aus den letzten loca verinnerlicht haben. An diesem Punkt wird die Sprachfertigkeit der Schüler auf die Probe gestellt, denn, wie der bedeutende Humanist Celtis schon sagte, „Nichts verrät den gelehrten und gebildeten Menschen denn der Stil und die Sprache; beide aber regiert die Beredsamkeit.“[22]

 

Des Weiteren „Soll man sie die Rudimenta graecarum literarum[23] lehren (…) und ihnen hebräische Buchstaben beibringen“[24], sodass die Schüler nicht nur eine antike Sprache beherrschen. Es war allgemein gültig, dass die Wissenschaften und Literaturen während dem Renaissance-Humanismus genauso an die des griechischen Altertums anknüpften, wobei die Römer viele Erkenntnisse von den Griechen übernahmen oder weite ausarbeiteten. Celtis selber erzählte, was die Römer von den Griechen übernommen haben: „strebt dem alten römischen Adel nach, der nach der Übernahme der griechischen Herrschaft all die Weisheit und Beredsamkeit vereinigt hat, so daß es zweifelhaft ist, ob er die gesamte griechische Errungenschaft und den Schatz der Gelehrsamkeit erreicht oder ob er sie übertroffen habe.“[25] Über das Lernen der hebräischen Sprache schrieb Hedwig Heger[26]: „eine Sprachkenntnis, die ihn befähigte, dem Studium der ‚heiligen Sprache‘ die wissenschaftliche Grundlage zu geben“[27].

 

Somit wurde der gesamte Lehrplan nach humanistischen Werten der damaligen Zeit aufgestellt. Auf dem Stundenplan in der entsprechenden PowerPoint erkennt man ebenfalls deutlich, dass die lateinische Sprache und der Gesangsunterricht fast ausschließlich das Schulleben der Kinder bestimmte. Ein intensiver Lateinunterricht, die Beschäftigung mit klassischen Literaturen der Antike, die praktische Anwendung der lateinischen Sprache, Griechisch und Hebräisch. Dieses Lehrprogramm verteilt auf 5 loca, während Samstag noch Religionsunterricht stattfindet und fast jeden Tag zweimal gesungen wird. Wenn das Johanneum keine Humanisten-Schule war, war keine andere es.

 

Verfasst von Davinia Karl und Anting Liu (Johanneum/Hamburg, 2017; 12. Klasse)

[1] Abendgottesdienst

[2] Lehrbuch für den christlichen Glaubensunterricht

[3] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani“, S. 45

[4]  JEPSEN, Maria: Johannes Bugenhagen, Kirchenmeister und Schulmeister. In: Symposion, 2004, S.33  

[5]  JEPSEN, Maria: Johannes Bugenhagen, Kirchenmeister und Schulmeister. In: Symposion, 2004, S 33.  

[6]  „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani“, S.39

[7]  „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani“, S.43

[8] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani“, S.53

[9] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529 De Ordeninge Pomerani“, S.53

[10] Hamburgische Schulordnung 1529 für die St. Johannisschule

[11] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 39

[12] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 41

[13] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 41

[14] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 43

[15] „Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 41

[16] deutscher Humanist und Dichter, in vielen Veröffentlichungen „deutscher Erzhumanist“ genannt

[17] Vorwort von Hedwig Heder aus „Spätmittelalter Humanismus Reformation“, S. 4 f.

[18] lat. Kunst der Argumentation

[19] lat. Rhetorik

[20] Führen von Gesprächen

[21] Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 45

[22] „Spätmittelalter Humanismus Reformation“, S. 5

[23] Griechisch

[24] Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529, De Ordeninge Pomerani“, S. 43

[25] „Spätmittelalter Humanismus Reformation“, S. 5

[26] Herausgeber von „Spätmittelalter Humanismus Reformation“

[27] Vorwort von Hedwig Heder aus „Spätmittelalter Humanismus Reformation“, S. VIII