Renaissancehumanismus

Der Humanismus der Renaissance zählt neben der Reformation zu den epochalen Neuerungen im 15. und 16. Jahrhundert, mit denen sich im Rückblick die Anfänge einer ganz neuen Zeit (aevum novum) verbinden, die der sogenannten Neuzeit. Wie die Reformation ihren gedanklichen Ausgang im intensiven Studium der Bibel nahm, so versuchten die Renaissancehumanisten das antike Bildungswissen wiederzubeleben. In beiden Fällen verdanken sich die Neuerungen, die sie bewirkten, paradoxerweise einem Blick in die Vergangenheit: sola sciptura („Allein die Schrift“) und ad fontes („Zurück zu den Quellen“) lauteten die Losungen, denen Luther (1483-1546) und Erasmus von Rotterdam (ca. 1466-1536) folgten, die Hauptvertreter der beiden geistigen Strömungen. Das Studium der Heiligen Schrift und der antiken Quellen war es, das ihnen ermöglichte, die Welt und den Menschen in einem neuen Licht zu sehen.

Maßgebliche Orientierungsgröße waren für die Renaissancehumanisten, anders als für die Reformatoren, die vorchristlichen Schriften der Griechen und Römer. Und das hatte Folgen. Die Welt sollte nicht mehr wie bisher  sub specie aeternitatis [1] betrachtet werden, d.h. als erlösungsbedürftige Schöpfung Gottes und bloßes Durchgangsstadium in die jenseitige Welt, sondern sie gewann zunehmend an Eigenwert. Beispielhaft dafür steht die berühmte Besteigung des Mont Ventoux, eines Bergs in der Provence, im Jahre 1336 durch Petrarca (1304-1374). Dieser selbst berichtet von einer Art Bekehrungserlebnis, das er dabei hatte, indem er – auf der Höhe angekommen –  sich  selbst hineingezogen fühlt in die Schönheit der Natur, die ihm beim Blick in die vor seinen Füßen liegende Landschaft erstmals bewusst wird. Einige Gelehrte sehen hier einen kulturhistorischen Schlüsselmoment an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit: die Entdeckung der Subjektivität im Medium ästhetisch-kontemplativer Welt- und Selbstwahrnehmung.

Anschaulich ins Bild gesetzt findet sich dieses neue Selbstverständnis anderthalb Jahrhunderte später in Leonardos (1452-1519) Zeichnung des vitruvianischen Menschen, die sich z. B. auf der Rückseite der Ein-Euro-Münze Italiens  wiederfindet.  Sie zeigt eine  männliche Figur mit ausgestreckten Extremitäten in zwei überlagerten Positionen. Mit den Fingerspitzen und den Sohlen berührt sie ein sie umgebendes Quadrat (homo ad quadratum) bzw. einen Kreis (homo ad circulum). Insbesondere hier wird deutlich, wie maßgeblich die Antike auf die Ästhetik des Renaissancehumanismus Einfluss genommen hat, denn Leonardo greift explizit auf die Vorstellungen über den wohlgeformten Menschen (lat. homo bene figuratus) zurück, wie sie beim römischen Architekten Vitruv (ca. 80/70 bis 10 v. Chr.) zu finden sind.

Leonardos Zeichnung datiert von 1490. Die zu diesem Schönheitsideal  passende anthropologische Programmschrift findet sich vier Jahre zuvor veröffentlicht. Es handelt sich um die später unter dem Titel „De hominis dignitate“  bekannt gewordene Rede des 23jährigen Pico della Mirandola (1463-1494). Picos Überlegungen nehmen ihren Ausgang bei der Schöpfungserzählung, wie sie sich am Anfang der Bibel findet (Gen 1, 1-2,4a), er gibt ihnen jedoch eine für den Renaissancehumanismus typische und folgenreiche anthropozentrische Wendung. Während nämlich allen anderen Lebewesen eine unveränderliche Bestimmung zugewiesen sei, habe Gott dem Menschen – so Pico –  als einzigem Wesen die Eigenschaft zugeteilt, nicht festgelegt zu sein. In die Mitte der Welt gestellt, stehe es ihm frei, alles Vorhandene zu erkunden und dann selbst zu entscheiden, wer er sein will: „Du kannst nach unten hin ins Tierische entarten, du kannst aus eigenem Willen wiedergeboren werden nach oben in das Göttliche.“ Der Mensch als Former, Bildner und Gestalter seiner selbst – klarer als hier sind die Weltoffenheit und Plastizität des Menschen, zugleich aber auch seine darin liegende Versuchung zuvor nie beschrieben worden. In Kenntnis ihrer Reichweite hat der Historiker Jacob Burckhardt, dessen Arbeiten die Forschung zum Renaissancehumanismus maßgeblich angestoßen hat, Picos Schrift „eines der edelsten Vermächtnisse d(ies)er Kulturepoche“ bezeichnet.

Indem er die humane Kultur in den Mittelpunkt rückte, wandte sich der Renaissancehumanismus gegen ein Selbst- und Weltverständnis, das die Welt theozentrisch zu interpretieren und zu regulieren versuchte. Nicht mehr die Übereinstimmung mit den kirchlichen Dogmen galt ihm als das entscheidende Kriterium für Wahrheit, sondern die Erkenntnis, zu der der Mensch durch intensives Studium selbst gelangte – ohne dass nach Ansicht der humanistischen Gelehrten von vornherein eine Übereinstimmung ausgeschlossen wäre.  Die entscheidende Bezugsgröße bildeten dabei vor allem die antiken Schriften. „Es ist nicht einfach zu sagen“, schreibt z.B. Conrad Celtis (1459-1508), einer der Wegbereiter des Griechischen im deutschsprachigen Raum, „mit wieviel Mühen und Nachtwachen man bei diesen, das heißt bei den Schriften der alten Philosophen, Dichter und Redner im Schweiße der Angesichtes verweilen muss; denn sie allein sind es, die uns die Art, gut und glücklich zu leben, das Werden des Menschengeschlechtes und den Lauf aller Dinge aufgeschrieben und die uns Mutter Natur gleichsam als nachahmenswert Vorbild und als Spiegel des Lebens vor Augen gehalten haben.“ (Zitat muss überprüft werden!)2. Der Rückblick in die Antike beinhaltete also nicht nur den philologischen Aufschwung der alten Sprachen – so veröffentlichte z.B. Erasmus von Rotterdam 1516 die erste kritische Ausgabe des Neuen Testaments in der griechischen Ursprache, die neben Reuchlins (1544-1522) Grammatik des Hebräischen von 1506 eine Grundlage für Luthers Bibelübersetzung darstellt  – sondern trug zugleich zur Revitalisierung antiker Lesarten des menschlichen Lebens bei. Eine Kollision mit der christlichen Tradition war  von den Vertretern des Humanismus nicht vorgesehen, sie war aber auch, wie wegen der unterschiedlichen Blickrichtungen  nicht ausgeschlossen. Zusammen mit der Reformation gehört der Renaissancehumanismus jedenfalls – so lässt sich rückblickend sagen – zu jenen geistigen Bewegungen, aus denen sich zusammen mit all den anderen einschneidenden Veränderungen um 1500 der „kühle Luftzug der neueren Geschichte“ (L. Ranke) entwickelt hat.

Dr. Egbert Stolz (praec. Joh.), 2017

 

 

 

[1] lat. „unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“; meint im religiösen Sinne, dass man den Fokus nicht auf Vergängliches im Alltag legen, sondern alles im Lichte der Ewigkeit, d.h. Gottes, betrachten soll.

[2] Vorwort von Hedwig Heder aus „Spätmittelalter Humanismus Reformation“, S. 4 f.