Die Gelehrtenschule des Johanneums 2017 –  Warum die Erinnerung an 1517 lohnt

Am 31. Oktober eines jeden Jahres, so wird berichtet, soll der Philosoph Hegel ein Glas Rotwein zu Ehren Luthers getrunken haben. Denn dieser, so sah es Hegel, habe dem Prinzip der Subjektivität zum Durchbruch verholfen, ohne das Freiheit im modernen Sinne gar nicht denkbar wäre. Zwar seien die Menschenrechte erstmals 1776 formuliert worden, aber eben nicht zufällig von den Nachfolgern jener Pilgerväter, die bekanntlich zuvor in England zu den protestantischen Dissenters gehört hatten und Anfang des 17. Jahrhunderts in die neue Welt aufgebrochen waren.

Hegels philosophischer Geschichtsdeutung mag der Historiker nur zögernd folgen und sie ist in den letzten zwei Jahrhunderten erfolgreich relativiert worden. Ohne Luther lässt sich die Geschichte der Reformation allerdings auch heute nicht erzählen. Was ist also der innere Kern der Reformation, für die der Thesenanschlag am 31. Oktober das populäre Erinnerungsbild abgibt?

Ein Jahr vor seinem Tod, 1545, hat Luther seine entscheidende theologische Entdeckung rückblickend so beschrieben: Unsere eigene Kraft reicht nicht aus, unser Leben gelingen zu lassen, ohne die Hilfe Gottes ist der Mensch verloren. Was Luther meint, wird für uns anschaulich an Kafkas „Prozess“. „K. lebte in einem Rechtsstaat“, heißt es dort, und an seinem dreißigsten Geburtstag ist ihm vom Gericht aufgetragen worden, eine Eingabe zu machen, in der er alle wesentlichen Momente seines Lebens aufzählen und bewerten, sich also rechtfertigen sollte. Er mobilisiert alle Mittel, von denen er sich Rechtfertigung erhofft, aber je mehr er zu seiner Rechtfertigung beibringt, desto ungerechtfertigter kommt er sich vor. Was bekanntlich zum Entzug der Lebenserlaubnis führt, zu der von K. selbst veranstalteten Selbst-Hinrichtung. Ähnlich wie K. fand sich Luther in einen existentiellen Prozess verstrickt, in dem es um Leben und Tod geht und den er zu verlieren drohte  – bis er entdeckt, dass Gott ihn nicht (hin)richten will, sondern umgekehrt begnadigt, indem er ihn vom Zwang der Selbst-Rechtfertigung befreit und ihn ohne Gegenleistung ins Recht setzt. „Denn im Evangelium zeigt uns Gott seine Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, zu der man durch den Glauben Zugang hat; sie kommt dem zugute, der ihm vertraut.“ (Röm 1,17) Luther beschreibt ausführlich, wie ihm an dieser Textstelle wortwörtlich ein Licht aufging, als er entdeckt, dass nicht von einer strafenden Gerechtigkeit, sondern vom Recht-Wirken Gottes die Rede ist, Paulus hier also nicht der griechischen Tugendlehre, sondern dem hebräischen Bundesgedanken das Wort gibt. In einfacher Sprache gesagt: Es geht um die Erfahrung und Einsicht, dass, wenn Gott ins Spiel kommt, der Mensch mehr ist, als seine Physis, seine sozialen Rollen und seine Lebensleistung über ihn aussagen. Und dass sich mit Gott als Mitspieler einen Freiheitsraum eröffnet, über den keine irdische Macht verfügen kann: das Gewissen, ein „heymlich, geystlich, verborgen ding“, das uns befähigt, uns selbst „zu richten und meystern“. „Denn uber die seele kann und will Gott niemant lassen regirn denn sich selbs alleyne.“ (Luther)

Vor genau 50 Jahren, zum 450jährigen Jubiläum der Reformation hatte der damalige Schulleiter des Johanneums geschrieben: „Eine Schule wie das Johanneum, die sich dem Humanismus verpflichtet weiß, in dessen Zentrum die Frage nach der Bestimmung des Menschen steht, kann und darf auf die christlichen Antworten nicht verzichten, mit denen eine Grundmöglichkeit des Verständnisses menschlicher Existenz in die Geschichte eingetreten ist, die nicht wieder verschwinden darf, wenn sie nicht eine wesentliche Kraft ihrer Bewegung, ihres Reichtums und ihrer Tiefe verlieren soll. Eine Verabsolutierung des Humanums nimmt dem Menschen die Möglichkeit, sich als Bestimmtes, als ein durch das ‚Ganz Andere‘ des Glaubens Begrenztes, als ein homo definitus zu erfahren und führt – griechisch gesprochen – zum ἄνθρωπος ἀόριστος (anthropos aoristos) – d.h. zum Mensch ohne Horizont.“ (Karl F. Bornitz, Rector Johannei 1972-2001) Ohne Grenzziehung, d.h. ohne Unterscheidung ist ein Horizont nicht zu haben. Luther bietet uns viele solcher Unterscheidungen an wie die zwischen Gesetz und Evangelium, Glaube und Werk, innerem und äußerem Menschen, geistlichem und weltlichem Reich. Sie alle eröffnen Fluchten aus dem Immanenztotalitarismus und bewahren davor, das Humanum zu verabsolutieren, d.h. Humanismus zum Anthropotheismus werden zu lassen, zur Selbstvergöttlichung des Menschen.  Man muss ja nicht gleich Hegels emphatischen Blick auf die Reformation teilen und am 31. Oktober auf den Thesenanschlag anstoßen, aber es lohnt sich 500 Jahre später, Luthers theologische Entdeckung in Erinnerung zu rufen.

Dr. Egbert Stolz